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Zwei Biographien im Zeichen des Eisens

Albrecht Erhardt/Julie Mayer: Eine Familie im Zeichen des Eisens. Zwei Biographien. Hrsg. von Karl-Heinz Kocka. Aalen: Bund für Heimatpflege Wasseralfingen 2026. 245 S., einige Abbildungen. 19,80 Euro.

Die in diesem Buch edierten Autobiographien stammen aus den Schätzen eines Bremer Familiennachlasses, über den Silvia Claus in ihrem Nachwort einige Andeutungen macht. Die Eigentümer gestatteten Karl-Heinz Kocka die Veröffentlichung sowie erfreulicherweise auch eine Internetpublikation der beiden Manuskripte (Internet Archive: Manuskript ErhardtManuskript Mayer). Kocka hatte 2024 die Aufzeichnungen des NS-Gegners Karl Maier vorgelegt (Rezension).

Dem ersten Selbstzeugnis ist eine wirtschaftsgeschichtliche Einführung von Uwe Fliegauf vorangestellt. Der Verfasser, der Eisenhütteningenieur Albrecht Erhardt (1819-1897), berichtet aus seinem Berufsleben bis 1876, also bevor er zur Firma Krupp nach Essen wechselte. Zuvor hatte er die württembergischen Hüttenwerke Königsbronn und Wasseralfingen geleitet. Er schildert in nüchternem Stil auch seine berufsbedingten Reisen. Wer sich für das Eisenhüttenwesen im 19. Jahrhundert interessiert, findet hier eine aufschlussreiche Quelle.

Als Textproben habe ich zwei Stellen ausgewählt. Die erste betrifft das Jahr 1848.

Mitten in diesen Jubel hinein fiel die französische Februar-Revolution und der allgemein erwartete Franzoseneinfall ins Land, was überall bei uns die größte Aufregung, den Sturz des Ministeriums und Ersetzung durch liberale Minister und die Bildung von Bürgerwehren zur Folge hatte. Wenn diese Ereignisse hauptsächlich meinen künftigen Schwiegervater als Bezirksvorstand ungemein in Anspruch genommen hatten und durch das freche Auftreten der Heidenheimer Demagogen, an deren Spitze Dr. Freisleben, Gerichtsassistent Sick, der spätere Minister und Reallehrer Blum mit ihren roten Bändern im Knopfloch, sich besonders bemerklich machten, ihm viel zu schaffen machten, so gingen sie doch auch an mir nicht spurlos vorüber, da auch in Königsbronn, das schon vorher zu dem unruhigsten Dorfe im Heidenheimer Bezirk zählte und durch die große Zahl seiner Wilderer sich auszeichnete, die Bildung einer Nationalgarde und von mir die Übernahme der Kommandantenstelle stürmisch verlangt wurde. Eine solche Auszeichnung lag gar nicht in meinem Sinne, obwohl ich im übrigen mit der liberalen Richtung des Staatswesens sympathisierte und nur nach langem Widerstreben nahm ich den Antrag an, da ich mir sagte, dass durch den Einfluss, den ich nicht nur auf meine Arbeiter, sondern auch auf den größeren Teil der übrigen Einwohner von Königsbronn hatte, es mir am ehesten gelingen würde, die unruhige Bevölkerung im Zaume zu halten und Ausschreitungen zu vermeiden. Dies hat sich auch in der Folge vollständig bewährt, indem in dieser Zeit auch nicht ein Exzess in Königsbronn vorgefallen ist. Nun wurde über Hals und Kopf unter der Leitung alter Unteroffiziere exerziert, wozu die Gemeinde die nötigen Gewehre verschaffte, während ich und die übrigen Offiziere (Dr. Süßkind und Apotheker Amos waren die Hauptleute, Kaufmann Konold und noch einer waren Lieutenants) die amtlich herausgegebenen Exerziervorschriften für die Bürgerwehren mit Eifer studierten. Bald hatte man es so weit gebracht, dass das ganze Bataillon aus ca. 200 Mann bestehend auf einem freien Platz auf der Höhe von Königsbronn seine Übungen machen und an einer Revue von sämtlichen Bürgerwehren des Bezirks mit Auszeichnung teilnehmen konnte.In diese Zeit der militärischen Übungen fiel auch die Wahl eines Abgeordneten für das Frankfurter Parlament, die meine Tätigkeit zugleich noch nach einer andern Richtung in Anspruch nahm. Ich schwärmte anfänglich für den Dr. David Strauß und fand mit demselben auch großen Anklang im Bezirk, ohne zu wissen, dass dieser schon in mehreren andern Bezirken als Kandidat aufgestellt war und in einem derselben bereits die Annahme der auf ihn fallenden Wahl versprochen hatte. Es traten nun für den Bezirk, der die Oberämter Heidenheim, Aalen und Neresheim in sich schloss, 2 Bewerber um diesen Posten in sehr verschiedener Qualifikation auf. Der eine war der schon damals rühmlichst bekannte Obersteuerrat Moriz Mohl, der andere Müller Schweikhardt aus Tübingen, ein Dunkelmann, ohne Redetalent, der dem ersteren die Schuhriemen zu lösen nicht wert war und dem man am liebsten zugerufen hätte: „Genieße, was Dir Gott beschieden, und bleibe zu Hause und nähre Dich redlich“ und der zur Begründung für seine Qualifikation auch nichts weiter anzuführen wusste, als dass er eine Tochter des ehemaligen Hüttenverwalters Hofele (Vater des nachherigen Bischofs) in Königsbronn zur Frau und den Hüttenverwalter Bilfinger zum Schwager habe. Für beide Kandidaten wurde ich in zwei langen Briefen, den einen von Bilfinger zu Gunsten seines Schwagers, den andern von Bergrat Degen für deinen Freund Mohl, zu wirken aufgefordert. Ich entschied mich selbstverständlich für Letzteren, der außerdem noch eine kräftigere Unterstützung in dem Helfer Bauer von Aalen durch dessen ausgezeichnete Rede fand, die er von der Kanzel der Königsbronner Kirche herab an die in großer Menge Versammelten gehalten hat und der man es hauptsächlich neben meinen Bemühungen zu verdanken hatte, dass Mohl fast einstimmig gewählt wurde. Von dieser Zeit her stammt meine Bekanntschaft und Freundschaft mit diesem Manne, der sie mir bis zu seinem Tode treu bewahrte, wie die große Zahl seiner Briefe an mich zeigt, deren ich noch besitze.

Der Helfer Bauer ist der Verfasser einer Aalener Stadtgeschichte, Hermann Bauer, Mitbegründer des Historischen Vereins für Württembergisch Franken.

Die zweite Stelle stammt aus der Beschreibung einer Reise nach Österreich und zeigt das Unverständnis des protestantischen Autors gegenüber der katholischen Volksfrömmigkeit.

Neuberg, in einem reizenden von hohen Bergen umfassten Tale an dem Flüsschen Mürz gelegen, ist nicht nur wegen seines Hüttenwerks, das damals einen guten Ruf unter den österreichischen Hütten besaß, berühmt, sondern auch wegen seines Jagdgebiets auf Gämsen, wohin sich jedes Jahr der österreichische Kaiser zur Abhaltung von Jagden begibt. Man sagte mir, man sehe oft mit bloßen Augen Gämsen an den Bergabhängen, mir ist dies aber auf meinem Gange vom Wirtshaus nach der Hütte, so oft ich auch mein Opernglas dahin richtete, nicht geglückt. Meinem Wunsche, einen der Berge zu besteigen, konnte ich nur einmal an einem Sonntag entsprechen. Ich stieg in Begleitung von Gmelin und Andern auf die 1900 m hohe Schneealpe mit einem ausgedehnten Plateau auf der Höhe, wo sich eine große Zahl von Alphütten befand, in denen es an diesem Tage, wo aus den Tälern die Burschen und Mädels hinaufstiegen, ungemein lustig bei Musik und Tanz herging. Die Aussicht, die ich da oben auf die Menge der steirischen Berge hatte, war prachtvoll. Eine Merkwürdigkeit, die ich unten im Tale hatte, möchte ich hier noch erwähnen. Neuberg liegt an der Straße nach dem berühmtesten Wallfahrtort Mariazell und der Weg führte hart an dem Wirtshaus vorbei, in dem wir logierten. Während unseres ganzen Aufenthalts dort sah ich täglich mehrere Züge von Wallfahrern, Männer und Weiber, alt und jung, meistens barfuß und mit elenden Kleidern angetan, von einem oder zwei finster dreinschauenden Pfaffen mit schwarzen Haaren und bleichen Gesichtern angeführt, vorbeiziehen und hatte Mitleid mit den armen betörten Leuten und Wut auf die Verführer. An einem Tage, spät Abends kam ein solcher Zug vor unserem Wirtshaus an und begehrte vom Wirt Unterkunft über Nacht. Der Wirt verweigerte es anfänglich, gab aber nach langem Bitten nach und wies den Leuten einen Heustadel hinter dem Hause an, wo dann Männlein und Weiblein untereinander sich ins Heu betteten! Wir hatten Gelegenheit, diesen Wallfahrtsspektakel und Unfug noch weiter mit ansehen zu müssen in Mariazell selbst, wohin wir uns nach Beendigung unserer Arbeiten in Neuberg begeben hatten, um dort die berühmte Walzen- und Kanonengießerei zu besuchen. Auf dem 47 km weiten Weg dahin trafen wir an der Landstraße im Tal eine Stelle, wo ich die ersten steirischen Edelweiß fand an einem Felsen; dieselben waren viel größer und schöner, als die schweizerischen. Nicht weit von dem Gusswerk entfernt, liegt der Ort Mariazell, der fast nur aus Wirtshäusern und zahlreichen Buden, in denen Heiligenbilder und dergl. verkauft werden, und der großen Wallfahrtskirche mit kostbaren Reliquien besteht. Es wimmelte von Wallfahrern auf den Straßen, wie im Innern der Kirche, wo sie geistliche Lieder nach bekannten sehr weltlichen Melodien sangen, die in unsern Ohren komisch klangen.

Erzählerisch gelungener sind die Kindheits- und Jugenderinnerungen von Erhardts Tochter Julie (1850-1924), die mit ihrer Verlobung mit ihrem späteren Ehemann Paul Mayer 1871 enden. Sie sind mit einigen Zeichnungen der Verfasserin illustriert. Eine kurze Einführung steuerte der Aalener Stadtarchivar Georg Feuerbach bei.

Wie anschaulich Julie Mayer ihre Kindheit darstellt, mag ein Ausschnitt über die Wasseralfinger Dorfschule zeigen.

In die Schule kam ich auch viel zu früh. Ich war erst vier Jahre u. zehn Monate alt. Es wurden mir also zwei Jahre Spielzeit genommen, und warum? Weil meine Schwester Bertha in die Schule sollte und weil wir bis daher alles so schön schwesterlich miteinander geteilt hatten. Dass sie mich für besonders gescheit und deshalb für schulreif hielten, glaube ich nicht. Einen Anlass, mich für gescheit zu halten, gab ich – meines Wissens – auch später nie. Wenn ich je einmal etwas Gescheites dachte, behielt ich es für mich, denn ich war sehr wortkarg.
Die Schule interessierte mich absolut nicht und ich passte eigentlich nie so recht auf. Es genügte mir, dass ich alles so ungefähr wusste und dass ich mitkam. Das “wie” war mir ungeheuer egal. Das Lernen wurde mir leicht, nur vor dem Rechnen hatte ich einen gewissen Widerwillen, also noch etwas weniger als kein Interesse. Da konnte ich manchmal aufsitzen und hereinfallen, denn immer gelang das Spicken oder Abschreiben nicht. Ich schlängelte mich aber auch mit dem Rechnen so durch u. als ich als 16jährige höhere Tochter in der Pension ein Rechenexamen machen musste, um event. vom Rechnen dispensiert zu werden, bestand ich es glänzend. Ob ich da auch wieder abgeschrieben hatte oder ob mir sonst ein guter Geist zur Seite stand, weiß ich nimmer. Kurz, ich gehörte zu den Auserwählten, die keine Rechenstunde mehr zu nehmen brauchten.

Die Schule, in die ich mit 4 Jahren u. 10 Monaten gesteckt wurde, lag in unmittelbarer Nähe der elterlichen Wohnung an der Erzstraße. Die Erzstraße war schokoladebraun wie das Erz, das auf derselben von den Gruben zu den Hochöfen befördert wurde. (Heute besorgt eine Zahnradbahn den Erztransport.) Das Schullokal war mäßig groß u. übermäßig nieder. Der Boden war so braun wie die Straße u. die Luft zum Schneiden dick. Zwei Reihen, durch einen Gang getrennte enge, steife, harte Schulbänke mit den üblichen mehr oder weniger zerbrochenen schwarzen Tintenhäfelein u. den vielen Tintensäuen, mit dem verschundenen Holz u. den eingeschnittenen Namenszügen, oder den tief eingesäbelten Strichen, die oft der einzige Ausdruck einer stumm verhaltenen Wut waren. Am Ende u. in der Mitte des Ganges, der die Mädchen- u. Bubenbänke trennte, stand der Katheder. Auf demselben thronte ein winziges Herrlein mit einem Kinderstimmchen, das war der Herr Lehrer. Das Kinderstimmchen flötete in den höchsten Tönen, besonders, wenn es nach der 10 Uhr Pause “Herein” rief. Dieses Hereinrufen war so eigentümlich zum überschnappen hoch u. so schrill u. laut, dass es weithin vernehmlich war u. mir heute noch in den Ohren klingt. Das Kinderstimmchen konnte aber auch tief klingen, doch dann hatte es geschellt. Der Herr Lehrer war sehr fromm, so fromm, dass er das Lachen für eine Sünde hielt. Er lächelte höchstens, aber auch das selten. Wäre er nicht ein bisschen jähzornig gewesen, hätte man sich keinen bequemeren Lehrer denken können. Leicht hatte er es wahrlich nicht, mit den ca. 60 Kindern fertig zu werden; auch waren die Buben namenlos unartig, die Mädchen manchmal auch.

Unsere Mitschüler, mit denen wir auch außerhalb der Schule verkehrten, waren die beiden Schlegelwirtstöchter, die vortreffliche Mina u. Paula Jooss, zwei Hornberger’s Töchter u. die beiden Söhne von Bauinspektor Morlock, Georg u. Joseph. Letzterer sehr unbegabt, kam immer zu spät in die Schule u. fing schon beim Hereinkommen während er noch an seinem Frühstückswecken nagte, ein jämmerliches Geheul an im Vorgefühl der kommenden Strafe. Mit zwei anderen Schulkameradinnen konnte ich noch weniger Staat machen. Die eine, eine Bergmannstochter von Röthard, die ebenso schokoladebraun war wie die Straße und der Boden, hatte mich so lieb, dass sie mir immer in der Tasche ihres Erzkleides bei ihrem buntkarierten Taschentuch, oft auch in dasselbe eingewickelt, Schlehen u. Buchele, die sich besonders gut zum Essen während der Schulzeit eigneten, mitbrachte. Einer anderen musste der Lehrer eine Reinigung ihres Kopfes, auf dem es bedenklich krabbelte, empfehlen, weil keine mehr neben sie sitzen wollte.

Während meiner Wasseralfinger Schulzeit vom 5.-11. Jahre brauchte ich 5 Bücher u. ganz wenig Hefte, da man fast alles auf die Tafel schrieb. Bücher: Eine Fibel, ein Spruchbuch, Gesangbuch, Lesebuch u. Bibel. Spruch- u. Gesangbuch waren aber weitaus die am meisten benützten Bücher u. das Auswendiglernen der vielen unverständlichen Sprüche u. Lieder war mir eine ziemliche Last. Ich hatte es zwar verhältnismäßig leicht, weil ich alles durch meine Schwester, die sich ihre Aufgaben durch Lautlernen einprägen musste, so nebenher während des Spielens auch mitlernte. Meine Schwester konnte oft weinen über mein wenig ernsthaftes Lernen. Während sie ihre Rechtschreibaufgaben sorgfältig auf ihre Tafel malte, schmierte ich sie ein paar Minuten vor Beginn der Schule hin, die Tafel an den alten Felbenbaum gelehnt, während ich auf meine Freundin Sophie Hornberger wartete.

Ich habe also nicht viel Rühmenswertes über mich u. meine Schulzeit zu sagen, auch als ich nach Gründung einer höheren Töchterschule in Aalen von meinem 11. Jahre ab diese recht gute Lehranstalt besuchte, war’s mit meinem Fleiß u. meinem Ernst noch nicht weit her u. die liebsten Erinnerungen aus dieser Zeit sind mir die Schulwege u. das Kosthaus bei der 86jährigen Tuchschererswitwe Arnold in Aalen.

Der Schulweg! Wie oft wurden wir dieses halbstündigen Weges wegen bemitleidet. Mit welchem Unrecht! Der Pappelallee oder dem Wiesenweg am Kocher entlang in Gesell-schaft einer ganzen Rotte “höherer” Schulkinder war das Kurzweiligste u. Fidelste meiner ganzen Schulzeit. Selbst in der Morgenfrühe im kalten Winter bei verschneiten Wegen empfanden wir den Schulweg nie als Last, eher bei der Mittagshitze an den Mittwoch- u. Samstagnachmittagen, wo wir nicht über das Mittagessen in Aalen blieben. Paula Jooß u. ich wussten aber auch hiefür Rat. Unser guter Freund Dr. Linser fuhr auch immer um diese Zeit in seinem Einspänner von Aalen nach Hause. Wir machten uns erst in unzweideutiger Weise bemerklich u. er hieß uns einsteigen. Später wurde eine Art Vertrag daraus u. wir warteten unter der alten Eiche auf ihn. Linser war aber nicht ganz zuverlässig. Das eine Mal kam er so spät, dass wir nicht wagen konnten, noch länger auf ihn zu warten, ein anderes Mal konnte er so vertieft in eine Zeitung sein, dass er uns nicht sah oder nicht sehen wollte. In diesen Fällen kamen wir natürlich immer zu spät zum Mittagessen u. wurden von den Geschwistern mit Hohn u. Spott empfangen. Meine tugendsame Schwester hatte natürlich nie auf den Doktor gewartet.

An den übrigen Wochentagen hatten wir – wie schon gemeldet – unsern Mittagstisch in Aalen bei der Witwe Arnold um 4 Kreuzer pro Person. Fleisch gab‘s natürlich selten, um so besser schmeckten aber die Speck- u. Rahm- u. Zwiebelkuchen, die Grossknöpfle und Spätzle u. die andern guten Mehlspeisen, die alle dem Geschmack der Kinder entsprachen. Mein Bruder Robert aß einmal für seine 4 Kreuzer 12 Leberklöße. Frau Arnold hatte einen Zinnkrug, in dem sie im Anfang des vorigen Jahrhunderts, als die Franzosen in Aalen waren, denselben den Wein kredenzt hatte. Sie erzählte oft Franzosengeschichten, natürlich auch die bekannte von Napoleon, der auf der Post in Aalen, als er Lärm auf der Straße hörte, sich nicht die Zeit nahm, das Fenster zu öffnen, sondern seinen Kopf durch die Scheibe stieß. Die Scheibe wurde später durch ein buntes Fenster gekennzeichnet.

Kocka und dem Bund für Heimatpflege ist zu danken, dass sie zwei außergewöhnliche Autobiographien zugänglich gemacht haben. Beachtung verdienen sie nicht nur im Aalener Raum.

Sachsen-Diskurs

(Preprint) Enno BÜNZ/Henning STEINFÜHRER/Christoph VOLKMAR (Hg.): Der Name Sachsen. Annäherung an ein gemeinsames Erbe. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2025 (Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen-Anhalts, 29). 693 S., zahlr. Abb. ISBN: 978-3-96311-998-9. Preis: 80,– Euro.

Was ist Sachsen? Eine Region, ein Land, ein Stamm, ein Volk? Wie wirkten die unterschiedlichen Konzeptionen der Träger des Sachsen-Diskurses zusammen? Wie wurde dadurch „Sachsen“ konstruiert?

Der Band, der sich zurückhaltend als „Annäherung“ gibt, geht zurück auf die Vorträge des 13. Tags der sachsen-anhaltischen Landesgeschichte 2023 in Magdeburg. Unverkennbar ist eine geschichtspolitische Zielsetzung, wenn Enno Bünz den „verbindenden Geist des sächsischen Erbes, in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und weit darüber hinaus“ beschwört (S. 21) und die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen das Buch als Sonderband ihrer Veröffentlichungen zählt.

Nach einem Blick von Matthias Becher auf die komplizierte Ethnogenese der Sachsen im Frühmittelalter (S. 54–72) folgt ein Block von vier Beiträgen zum ottonischen Sachsen (Wolfgang Huschner, S. 73–119), zum welfischen Sachsen (Thomas Vogtherr, S. 120–133), zum askanischen Sachsen (Oliver Auge, S. 134–153) und zum wettinischen Sachsen (Enno Bünz, S. 154–178). Im Spätmittelalter stritten sich die askanischen Herzogtümer Sachsen-Lauenburg und Sachsen-Wittenberg um die Kurwürde. Die Lauenburger konnten sich nicht durchsetzen. 1471 verbot ihnen der Kaiser, Titel und Wappen der Herzöge von Kursachsen zu führen (S. 153). Der Beitrag von Bünz beschränkt sich auf die politische Geschichte und geht auf den Sachsen-Namen leider nicht ein. Auch hätte man gern etwas über die Rolle des Sachsen-Namens in den wettinischen Ländern in Thüringen erfahren.

Aufschlussreich sind die Aufsätze zur Traditionsbildung im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Erfreulich umfangreich widmet sich Christoph Weber der sächsischen Herrschaftssymbolik: Sachsenross, Rautenkranz und Kurschwerter (S. 218–297). Auf die Erzählung des Sachsenspiegels und der Buch’schen Glosse über die Herkunft der Sachsen, die auf antike Krieger, die Petrocoli, zurückgeführt werden, geht Bernd Kannowski ein (S. 179–192). Leider fehlt ein eigener Beitrag über das sächsische Recht. Die Bedeutung des fiktiven Spitzenahns Widukind des Jüngeren für die Wettiner betont Olav Heinemann (S. 193–217).

In der Landeshistoriografie des 16. Jahrhunderts war der Begriff Sachsen eine „diffuse und mehrdeutige Ordnungskategorie“, stellt Michael Hecht fest (S. 370). Mit dem Sachsen-Diskurs im 16. Jahrhundert hatte sich schon eine 2017 erschienene Monografie von Elizaveta Malashenko („Saxonia vera et antiqua“) näher befasst. Auch Hecht greift auf den Diskursbegriff zurück, wenn er einen Abschnitt den Elementen des Sachsen-Diskurses im 16. Jahrhundert widmet.

Das Sachsen des Adels: Zurückhaltend beurteilt Joachim Schneider die Rolle der regionalen Identität für das Selbstverständnis des mitteldeutschen Adels. Er wertet vor allem frühneuzeitliche Schriften von Cyriacus Spangenberg und Lorenz Peckenstein aus (S. 298–322). Kein Vergleich mit der Bedeutung der Schwabenfreiheit für die schwäbische Ritterschaft!

Das Sachsen der Städte: Relevant sind vor allem die Studien von Christoph Volkmar über Magdeburg (S. 371–398) und Henning Steinführer über Braunschweig (S. 399–422) als bedeutende sächsische Zentralorte.

Das Sachsen der Gelehrten und Humanisten: Knapp behandelt Arnd Reitemeier „Herkunft und Freiheit im Diskurs der Humanisten“ (S. 337–351). Man hätte eingehender über den humanistischen „Gentilpatriotismus“ berichten können. Mit der sächsischen Universitätsnation befasst sich Fanny Münnich (S. 489–514). Wie frühneuzeitliche Autoren naturkundlicher Werke den Sachsen-Begriff verwendeten, zeigt Julia A. Schmidt-Funke (S. 580–613).

Erwähnt seien noch Peter Wiegands materialreiche Ausführungen über Sachsen im Kartenbild 1450–1800 (S. 515–579). Im Anhang findet sich ein Verzeichnis der zitierten Karten mit über 150 Nummern.

Die 24 Beiträge des durch ein Personen- und Ortsregister erschlossenen Sammelbands (eine knappe Bilanz der Ergebnisse versucht Bernd Schneidmüller, S. 22–53) decken ein breites Spektrum von Äußerungen des Sachsen-Diskurses ab. Gleichwohl bleibt eine zusammenfassende Geschichte dieses Diskurses ein Desiderat. Hilfreich wäre die Beigabe einer Bibliographie der bisherigen Forschungsbeiträge gewesen. Zu ergänzen wäre etwa der Beitrag von Edgar Papp („Die Saxen sind von Natur das fraysamest, kältest Volck under allen Teutschen“. Das Bild der [Nieder]Sachsen in der älteren deutschen Literatur, in: Niederdeutsches Jahrbuch 120 [1997], S. 33–58) oder meine Hinweise (Sachsen und Anhalt 30 [2018], S. 148 f.). Weiteren Gewinn verspricht eine möglichst umfassende Dokumentation der Quellenzeugnisse. Eine solche Sammlung müsste auch Entlegenes berücksichtigen, beispielsweise aus dem gelehrten Kontext stammende Belege für sächsischen Patriotismus in den Briefen des 1375 gestorbenen Johannes von Hildesheim, auf die Thomas Haye aufmerksam machte (Mittellateinisches Jahrbuch 50 [2015], S. 439 f., 445).

Das vorliegende Buch ist jedenfalls ein Meilenstein für die weitere Erforschung des Sachsen-Diskurses.

***

Inhaltsverzeichnis (Verlag)

Rezension des Buchs von Malashenko: https://archivalia.hypotheses.org/130287

Hinweise in Sachsen und Anhalt 2018: https://doi.org/10.17176/20220103-125011-0

#region

Heinrich Kobalts Schwabenlob 1515

Eine Druckschrift von Wipert Schwab aus dem Jahr 1515, die Promotionen an der Universität Frankfurt an der Oder gilt, enthält nach der Mitteilung von Gustav Bauch

https://archive.org/details/dieanfngederuni00flemgoog/page/n490/mode/2up

einen Panegyricus auf Schwaben aus der Feder Heinrich Kobalts aus Ulm. Da das einzige Exemplar im KVK ein Berliner, nach Moskau verschlepptes Exemplar ist, wandte ich mich an Professor Dr. Michael Höhle, der mich freundlicherweise auf einen Nachweis in der ZLB Berlin, Sammlungen des Grauen Klosters/Streitsche Stiftung, aufmerksam machte. Leider ist der Druck GKl Tie 5209/10 derzeit nicht auffindbar.

Über Schwab: https://resource.database.rag-online.org/ngOE5d375NG13dkeiPXdyMaB

Über Kobold: https://resource.database.rag-online.org/ngIY7P375IA1rxeccIhx7Gub
https://oberdeutsche-personendatenbank.digitale-sammlungen.de/Datenbank/Kobold,_Heinrich_(Ulm,_Studium)

#region

Raum vor der Territorialisierung. Probleme und Perspektiven der schwäbischen Landesgeschichte: ein Versuch am Beispiel der Vita Ulrichs von Augsburg

Der unveröffentlichte Aufsatz von Miriam Czock ist Open Access verfügbar und behandelt den Landesdiskurs Schwabens:

https://trivent-publishing.eu/home/229-436-beyond-time-and-space.html

#region

Freiburger Mordgeschichte

THOMAS SCHWARZ: Entdeckter Mord durch eine Kröte. Quellen und Intentionalität einer Freiburger Stadtsage. In: Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins „Schau-ins-Land“ 141 (2022), S. 81-109 wird hoffentlich in den nächsten Jahren online gehen. Die Erzählung knüpft sich an ein Kreuz auf dem Freiburger Friedhof.

Badisches Sagenbuch 1898 (GBS)

Vergleichbare Geschichten in Google Books: https://www.google.com/search?q=nagel+im+totenkopf&tbm=bks

#erzählforschung

Badisches Klosterbuch (online) befriedigt nicht

https://www.leo-bw.de/en/themenmodul/kloester-in-bw

Meine erste negative Einschätzung (die Fehler wurden noch nicht bereinigt) will ich nicht relativieren. Fairerweise muss aber anerkannt werden, dass das Werk im allgemeinen nützliches Überblicks-Wissen mit Einzelnachweisen bereitstellt. Es ist deutlich ausführlicher als das württembergische Klosterbuch.

Die Online-Präsentation ist noch nicht fertig. Es fehlen das Verzeichnis nach Ordenszugehörigkeit und die Vorsteher/innen-Listen.

Nach meinen bisherigen Rezensionen von Klosterbüchern1 überraschen meine Monita nicht.

* Die grobmaschige Gliederung stellt es ins Belieben der Bearbeiter/innen, spezielle Aspekte wie Memorialquellen, Bruderschaften, soziale Zusammensetzung, Konventsstärke usw. zu berücksichtigen oder auch nicht.

* Die Sekundärliteratur ist in viel zu kleiner Auswahl aufgenommen. Bei der Reichenau gibt es außer den Handbüchern ganze elf Literaturtitel! Die Germania Benedictina V hatte dagegen zu Recht viel Wert auf breite Literaturerfassung gelegt.

* Zu kurz kommen wieder die Handschriften und Inkunabeln, die meist nur sehr kursorisch gewürdigt werden.

* Zitate der Artikel in der Druckausgabe fehlen.

* An Internetlinks ist wohl nur die angejahrte Zusammenstellung Klöster in Baden-Württemberg vertreten.

* Permalinks: Fehlanzeige! Nachnutzung: Fehlanzeige! Online-Nachweise der Literatur: Fehlanzeige! Normdaten: Fehlanzeige!

Ergänzungen aus Archivalia:

Baden-Baden, Sepulchrinerinnen
https://archivalia.hypotheses.org/?s=sepulchrinerinnen

Inzigkofen
https://archivalia.hypotheses.org/?s=inzigkofen

Mosbach, St, Juliana
https://archivalia.hypotheses.org/75040 (siehe aber Anm. 32)

Offenburg, Schwesternsammlung »Beginen im Gottshaus der von Rickeldey« – »Großes Gottshaus«
https://archivalia.hypotheses.org/140503

Schönau, Zisterzienser
https://archivalia.hypotheses.org/7976

Wittichen
https://archivalia.hypotheses.org/86312

#histmonast

  1. Nordrheinisches Klosterbuch

    Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg

    Pfälzisches Klosterlexikon

    Niedersächsisches Klosterbuch

    Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg

    Monasticon Carmelitanum. []

Drei Jahre Warten auf die Ortsnamenbücher Emsland und Stade

OE möchte, dass ich auf die beiden neuen Bände des Niedersächsischen Ortsnamenbuchs hinweise, die aber erst in drei Jahren online frei zugänglich sein werden:

https://adw-goe.de/forschung/forschungsprojekte-akademienprogramm/ortsnamen-zwischen-rhein-und-elbe/projekt/niedersaechsisches-ortsnamenbuch-nob/

Hochalter, Alter! Das Badische Klosterbuch Online überzeugt durch Akribie

https://www.leo-bw.de/en/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/labw_badisches_klosterbuch/273/Benediktiner (kein Permalink)

Kurt Andermann könnte zur Kenntnis nehmen, dass das “Kapitular Kaiser Ludwigs des Frommen” von 817 in Wirklichkeit die hier wohlbekannte Notitia de servitio monasteriorum ist.

Die Abbildungen sind nicht durchnummeriert (anders als im Text).

Historisches Lexikon Bayerns verärgert wieder einmal mit fehlenden Online-Nachweisen

Ob Andreas Bihrer, Autor des neuen Artikels über das Bistum Konstanz, oder die Redaktion verantwortlich ist? Zwischenzeitlich sah es schon besser aus, aber nun beträgt der Anteil der als frei online verlinkten Titel im Literaturverzeichnis: NULL.

Literatur
Sabine Arend, Zwischen Bischof und Gemeinde. Pfarrbenefizien im Bistum Konstanz vor der Reformation (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 47), Leinfelden-Echterdingen 2003.
Nicht online

Andreas Bihrer, Bischöfe von Konstanz, in: Werner Paravicini (Hg.), Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Ein dynastisch-topographisches Handbuch (Residenzenforschung 15,1), 2 Bände, Ostfildern 2003, 1. Band, 548–551.
https://adw-goe.de/fileadmin/forschungsprojekte/resikom/dokumente/pdfs/HBI/B_3_Konstanz.pdf

Andreas Bihrer, Der Konstanzer Bischofshof im 14. Jahrhundert. Herrschaftliche, soziale und kommunikative Aspekte (Residenzenforschung 18), Ostfildern 2005.
Nicht online

Andreas Bihrer, Fratres, Kanoniker und Parteigänger. Ein Plädoyer für eine bischofsorientierte Erforschung der mittelalterlichen Domkapitel, in: Historisches Jahrbuch 143 (2023), 357–379.
Nicht online

Andreas Bihrer/Wolfgang Zimmermann/Ulrike Laule, Konstanz. Domstift, in: Jürgen Dendorfer/Wolfgang Zimmermann (Hg.), Badisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und religiöse Gemeinschaften in Baden und Hohenzollern. Von den Anfängen bis zur Säkularisation, Zweiter Band: H¬–R, Regensburg 2025, 254–276.
https://www.leo-bw.de/en/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/labw_badisches_klosterbuch/1104/Domstift

Brigitte Degler-Spengler (Hg.), Das Bistum Konstanz, das Erzbistum Mainz, das Bistum St. Gallen (Helvetia Sacra 1,2), Basel/Frankfurt am Main 1993.
https://www.helvetiasacra.ch/de/pages/3520a5d2188d4329af5440826e2da3f6

Harald Rainer Derschka, Die Ministerialen des Hochstiftes Konstanz (Vorträge und Forschungen, Sonderband 45), Stuttgart 1999.
https://doi.org/10.11588/vuf-sb.1999.45

Theodor Gottlob, Die Offiziale des Bistums Konstanz im Mittelalter, Limburg 1951.
Nicht online, aber gemeinfrei!
[30.6.2026 https://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00047B3900000000]

Elmar L. Kuhn u.a. (Hg.), Die Bischöfe von Konstanz, 2 Bände, Friedrichshafen 1988.
Nicht online

Bernd Ottnad, Die Archive der Bischöfe von Konstanz, in: Freiburger Diözesan-Archiv 94 (1974), 270–516.
https://doi.org/10.57962/regionalia-22814

Bernd Ottnad, Zur Geschichte des Kanzleramtes und der Kanzler der Fürstbischöfe von Konstanz (1458–1802), in: Freiburger Diözesan-Archiv 105 (1985), 249–281.
https://doi.org/10.57962/regionalia-22825

Peter Johannes Schuler, Notare Südwestdeutschlands. Ein prosopographisches Verzeichnis für die Zeit von 1300 bis ca. 1520, 2 Bände (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B 90, 99), Stuttgart 1987.
Nicht online.

Quellen
Regesten zur Geschichte der Bischöfe von Constanz von Bubulcus bis Thomas Berlower 517–1496, hrsg. von der Badischen Historischen Commission, 1. Band: 517–1293, bearb. von Paul Ladewig und Theodor Müller, 2. Band: 1293–1383, bearb. von Alexander Cartellieri mit Nachträgen und Registern von Karl Rieder, 3. Band: 1384–1436, 4. Band: 1436–1474, 5. Band: 1474–1480, bearb. von Karl Rieder, Innsbruck 1895–1941. Nachlese zu den Konstanzer Bischofsregesten, hg. von Manfred Krebs, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 98 (1950), 181–283.
Online-Nachweise (ohne Nachlese): https://de.wikisource.org/wiki/Konstanz#Bistum_Konstanz

Repertorium schweizergeschichtlicher Quellen im Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 1: Konstanz – Reichenau, 1. Band: Urkunden mit Selektenbestand, hg. von Franziska Geiges-Heindl, Karl Mommsen und Martin Salzmann, 2. Band: Bücher, hg. von Martin Salzmann, 3. Band: Akten, Nachträge, hg. von Josef Brülisauer, Franziska Geiges-Heindl, Peter Hoppe und Martin Salzmann, 4. Band: Gesamtregister, hg. von Franziska Geiges-Heindl und Martin Salzmann, Zürich 1981–1990.
https://www.ssrq-sds-fds.ch/online/cantons.html#Varia

Sagenmotiv: Wie Schweine die 400 Jahre alte Sauglocke von Kottgeisering aus dem Feld wühlten

https://www.merkur.de/lokales/fuerstenfeldbruck/kottgeisering-ort377145/feld-wuehlten-wie-schweine-die-400-jahre-alte-sauglocke-aus-dem-94303382.html

Ich empfehle den Artikel Glocke in der Enzyklopädie des Märchens.

#erzählforschung

Zentrum für Regionalgeschichte im Main-Kinzig-Kreis stellt nur wenige Veröffentlichungen online

Sie müssen vergriffen sein. Da sie sich offensichtlich schlecht verkaufen und die Auflage zu hoch veranschlagt war, werden Open-Access-Fans kaum fündig:

https://www.mkk.de/buergerservice/lebenslagen_1/sport_kultur_ehrenamt/40_zentrum_fuer_regionalgeschichte/veroeffentlichungen/veroeffentlichungen.html

Der Ulmer Rat im Konflikt mit geistlichen Einrichtungen (15./16. Jahrhundert)

Tjark Wegner: Handlungswissen, Kommunikation und Netzwerke. Der Ulmer Rat im Konflikt mit geistlichen Einrichtungen (1376-1531) (= Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 84). Ostfildern: Thorbecke 2023, 580 S., 64 EUR. ISBN 978-3-7995-5284-4 Inhaltsverzeichnis

Wie bereitet eine spätmittelalterliche Obrigkeit eine Klosterreform vor? Tjark Wegners Antwort (laut Überschrift S. 249): “Handlungswissen generieren und Netzwerke aktivieren”. Seine Tübinger Dissertation (bei Sigrid Hirbodian) behandelt Konflikte des Ulmer Rats mit fünf geistlichen Institutionen: dem Klarissenkonvent Söflingen, dem Wengenstift der Augustiner-Chorherren, dem Dominikanerkloster, dem Franziskanerkloster und der Frauen-“Sammlung” an der Frauenstraße. Im Mittelpunkt steht die Ordensreform, auch wenn das letzte Kapitel der Reformation gewidmet ist. Am ergiebigsten sind die Quellen zur Reform der Klarissen, wobei die bekannten Söflinger Briefe wichtiges Material liefern. Einem “Reformprogramm der 1460er Jahre” (S. 193-217) folgten intensive Bemühungen des Rats in den 1480er Jahren, als 1484 Söflingen und das Ulmer Franziskanerkloster reformiert werden konnten (S. 220-330).

Die Arbeit ist nicht nur ein aufschlussreicher Beitrag zur Geschichte der Ordensreformen des 15. Jahrhunderts, sondern auch zur Kommunikationsgeschichte. Die Fragestellung der Arbeit zielt auf das “Handlungswissen”, das praktische Know-how im Gegensatz zum akademisch-gelehrten Wissen.1 Wenn es um politische Problemlösung geht, müssen sich die Akteure Verbündete suchen und mit diesen Mitgliedern ihres Netzwerks kommunizieren/Informationen austauschen, etwa durch Botschaften und Korrespondenzen. Daher erfährt man viel über Kommunikationswege und das Botenwesen.

Verdienstvoll ist ein Anhang mit prosopographischen Angaben zu den Ulmer Patrizier- und Oberschichtfamilien und solchen des schwäbischen Niederadels (S. 443-504). Ich nenne die behandelten Adelsfamilien (S. 488-504): Westerstetten, Westernach, Vom Stain, Truchsessen zu Waldburg, Suntheim, Freyberg, Habsberg, Züllenhart, Riedheim, Rechberg zu Hohenrechberg, Thumb von Neuburg. Entbehrlich sind dagegen die Listen der Konventsmitglieder (S. 505-525), da diese keine Einzelnachweise enthalten und auch nur teilweise ins Personenregister aufgenommen wurden.

Im Gegensatz zur missglückten Monographie von Zwirello 2018 ist Wegners Studie eine solide Leistung. Kleinere Kritikpunkte fallen nicht ins Gewicht. Die biographischen Informationen sind in der Regel gut recherchiert. Manchmal hätte aber durch Googeln bzw. Auswertung von Archivalia Weiterführendes ermittelt werden können. Beispiele (die Seitenzahlen beziehen sich auf das Personenregister): Notar Johannes Cuntzinger (S. 558), Dr. Veit Meller (S. 567), Dr. Georg Oßwald (S. 568), Dr. Lukas Spechtzart (S. 572), Werner Wick von Unshausen (S. 576). Die wichtige Vorarbeit von Jamie McCandless 2015 ist keineswegs unveröffentlicht (S. 543), sondern liegt – offenbar seit 2016 – online vor: https://scholarworks.wmich.edu/dissertations/1184. Ein Monitum, das bei vielen aktuellen Arbeiten angebracht ist: Internetressourcen sind mit ihrem Permalink zu zitieren! Die Arbeit von Griemmert 2018 (zu nennen wäre gewesen die Buchhandelsausgabe von 2022) müsste demnach S. 536 mit DOI angeführt werden: https://doi.org/10.18725/OPARU-14568.

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Online-Rezensionen:

Sehepunkte (2026)

Schwäbische Heimat 2024

ZBLG 2024

[13.5.2026 Deutsches Archiv]

  1. Gerd Schwerhoff hatte 2008 im Sammelband Tradieren – Vermitteln – Anwenden “Handlungswissen und Wissensräume” in Köln am Beispiel des “Buch Weinsberg” untersucht (nicht online), aber auf längere theoretische Ausführungen zum Handlungswissen verzichtet. []