Karl Simrock und die Brüder Grimm im Spiegel der Bonner Universität und des Bonner Stadtarchivs. Ein Nachschlag.
Von Wolfgang H. Deuling
Museum der Universität Bonn
Das Schaufenster der Wissenschaft
Aus Anlass der Sonderausstellung Karl Simrock und die Grimms wurde über diese Ausstellung auf Archivalia berichtet:
Erstmalig wurde in einem Museum Antisemitismus bei Karl Simrock dokumentiert.
Dies ist deshalb zu betonen, weil in einer früheren Ausstellung der Bonner Universität und des Bonner Stadtarchivs das Thema Antisemitismus bei Karl Simrock und den Brüdern Grimm ein Tabu war:
Es handelt sich hier um die Dokumentation einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek Bonn vom 25. November 1977 bis 25. Februar 1978. Veranstalter der Ausstellung: Stadt Bonn (Stadtarchiv und Wissenschaftliche Stadtbibliothek) und Rheinische Friedrich Wilhelms-Universität (Universitätsbibliothek), Veröffentlichung des Stadtarchivs Bonn, Bd. 21, 1979
In der Dokumentation der Ausstelllung kommt auf 207 Seiten das Wort und Thema Antisemitismus/Antijudaismus mit keiner Zeile vor. Das Wort „Jude“ kommt in der Dokumentation dreimal vor (S.22, 61) mit Hinweis auf Werke von Simrock in chronologischer Reihenfolge:
47. Der ewige Jude. In: Zeitschrift für deutsche Mythologie und Sittenkunde, Bd 1, H. 1 Göttingen 1853, S.431-438.
Zeitschrift für deutsche Mythologie und Sittenkunde
Siehe auch: Ewiger Jude – Wikipedia
73. Karl Simrock: Die beiden Juden. Streitgedicht. Eigenhändige Niederschrift. 5 beschriebene Seiten. Veröff.: Simrock, Gedichte (1863) S.396-300 Nr.124; Maikäfer. Jg. 6, 1845, Nr. 36
In der aktuellen Sonderausausstellung wird immerhin mit einem kleinen Aufsteller auf das Thema Antisemitismus bei Karl Simrock hingewiesen:
Zum Judenhass der Gebrüder Grimm wird nichts gesagt. Doch hierzu später mehr.
Mich haben die beiden Bonner Ausstellungen zu einer kleinen Literaturrecherche stimuliert.
Hier das Ergebnis: Beginnend mit dem schon erwähnten Gedicht
„Die beiden Juden“
Erstmalig 1831 in der Berliner „Mittwochsgesellschaft“ des Kriminalrats Julius Eduard Hitzig – zusammen mit Simrocks Freund Wilhelm Wackernagel- vorgetragen. Der literarischen Gesellschaft war Simrock 1824 bei Gründung beigetreten.
Zu Julius Eduard Hitzig:
„ Was ihr schreibt, das sei geschrieben, doch auch Juden lernet lieben.“
Aus: Doris Pinkwart, Karl Simrock, 1979, S. 61 – Das Gedicht ist in der Ausstellungs-Dokumentation nicht enthalten.
Karl Simrock (1831)
Die Beiden Juden (1831)
Tenzone
Joseph – Karl Joseph Simrock
Wilhelm – Wilhelm Wackernagel
Karl Simrock (1844)
Der Knabe Jesus (1844)
| Gar eines schönen Tages gingen Die Kinder vor das Tor und singen Da Kurzweil an und Kinderspiel. Da sprang mit andrer Knaben viel Der Knabe Jesus auch von Haus. Sie kamen bald aufs Feld hinaus, Wo Lehm und Erde war gegraben. Da setzt’ er sich mit andern Knaben Und bildete mit kleiner Hand, Den weichen Lehm, den losen Sand, Und machte kleine Vögelein, Wie er sie fliegen sah im Hain, Grasmücken, Finken, Wachteln, Tauben Und den Widehopf mit hoher Hauben. Wie nun die andern Knaben sahn Die Vögel all’ so wohlgetan, Da lachten sie und wollten auch Sich Vögel machen nach seinem Brauch.Nun war’s der Juden Sabbattag, Da der Kinder Schar im Sande lag. Da kam ein alter Jude just Daher und sah der Kleinen Lust, Wie sie mit Lehm und Erde spielten Und nicht des Tages Feier hielten: Darob erbost’ er sich alsbald Und fuhr die Kinder an und schalt. Er sprach: »Ihr seid des Teufels Brut, Daß ihr hier solche Dinge tut. Ihr brechet euern Sabaot: Damit erzürnt ihr euern Gott. Jesus, die Schuld hast du allein, Daß diese Kinder insgemein Der schwere Zorn des Himmels trifft: Von dir kommt der Verführung Gift.«Doch Jesus sprach: »Ei, wollte Gott, Daß du selber deinen Sabaot Zu halten wüßtest, so wie ich: Nicht also schelten darfst du mich.« Da ward der alte Jud’ erst böse Der Alte hört’ es ungelassen; |
Karl Simrock (1832)
An Ludwig Börne (1832)
I.
Du haßest Alles, was romantisch ist,
Und weil ich dir auch ferner gern missfiele, *
Und für romantisch gelten Klingreimspiele,
So werd ich dir zu Liebe Sonettist.
Du, der ein Seher und Prophete bist,
Du freilich stellst, man siehts an deinem Stile,
Hochklassische Vollendung dir zum Ziele,
Wie Pythia nie der Kunst Apolls vergißt.
Rhapsodisch, ja homerisch sind die Briefe,
Die du an Israel aus Babel schriebst
Vom Völkerlenz, als deines Volks Messias.
Die plastisch edle Form und jene Tiefe,
Die du dem Seherblick zu paaren liebst,
Bewundern muß Europa diese Trias.
II.
Wohl thust du, dem Romanischen abzusagen;
Doch kannst du der Romantik nicht entfliehn,
Sie wird dir nach zu den Franzosen ziehn,
Dort in der Heimat frische Wurzeln schlagen.
Romantischer auch schon seit alten Tagen
Ist dein Paris als Petersburg und Wien:
Nur seinen Dichtern wars noch nicht verliehn
Den Wald zu sehn vor Bäumen, die da ragen.
Schau her, dieß ist die Stadt der Paladine,
Hier sang sein zärtlich Lied der Troubadour,
Johanne d’Arc schwang hier die Siegesfahne.
Du selber, trotz der orientalschen Miene,
Bist eine halbromantische Figur
Mit deinem Freiheitschwindel, deinem Wahne.
III.
Weil Lieb und Haß das Erbtheil starker Seelen,
So ist noch mehr zu haßen dir vonnöthen:
Wen haßest du nur gleich? Du haßest Goethen
Nun, ich gestehs, du weist dein Ziel zu wählen.
Allein der Grund? Es darf ein Grund nicht fehlen;
Was that der Greis, daß man ihn sollte tödten?
Wenn Vaterland und Freiheit es geböten,
Vielleicht wär Sand noch wieder zu beseelen.
„Nicht Grunds genug, daß ihn die Deutschen lieben?
Ihr letzter Halt, ihr Stolz und Ruhm, wie keiner,
Wär der nicht mehr, zerstöbe die C…….”
O welch ein Compliment hast du geschrieben!
Wart, loser Schmeichler! du, wenn jemals Einer,
Verdienst die goethesche Verdienstmedaille.
IV.
Daß du die Deutschen haßest, scheint erklärlich,
Es liegt im Blut und ist dir noch geblieben:
Vom eignen Geist wird jeder Stamm getrieben:
Bei dir ist das am wenigsten gefährlich.
Wenn ich mich selber prüfe, fühl ich klärlich:
Wär es uns nicht ausdrücklich vorgeschrieben,
Die Menschen alle brüderlich zu lieben,
Dein Volk zu haßen, war mir unentbehrlich.
Und hat der Glaubenshaß nicht seine Rechte?
Du wurdest unter Deutschen just geboren,
Und haßest sie, weil sie dich wollten taufen.
Ein Andres wärs, wenn es dir Schaden brächte;
Allein die Deutschen sind gutmüthge Thoren,
Sie werden deine Bücher dennoch kaufen.
V.
„Was man verbietet, wird erst recht gelesen,”
Schon wähnst du deines Buches Glück gemacht,
Doch juble nicht zu früh aus Unbedacht:
Wohl nie ist Weiser ein Verbot gewesen.
Denn wer dich liest, der zahlt noch keine Spesen,
Und hat er je wie du gefühlt, gedacht,
Sich je gesehnt nach Frankreichs Uebermacht,
So heilst du ihn von dem verkehrten Wesen.
Es thut Wohl Noth ein Nießwurz zu verschreiben:
Der Honig dieser Zeit hat auch sein Gift
Nie sich zum Weizen immer Spreu gesellt.
Den bösen Geist den Köpfen auszutreiben
Lockt uns ein klug Verbot zu deiner Schrift,
Wir lesen, niesen und sind hergestellt.
* Das Lied von den drei Tagen hatte ihm missfallen,
weil es zu romantisch sei.
Aus der Sammlung Mancherlei
Deutsche Sprichwörter über Juden
– gesammelt von Karl Simrock –

5115. Judenzins und Hurenheuer sind gemeiniglich sehr theuer
| 5264. | Willst du einen Juden betrügen, mußt du ein Jude sein. |
| 5265. | Es gehören neun Juden dazu, um einen Baseler, und neun Baseler, um einen Genfer zu betrügen. |
| 5266. | Trügt ein Jude den andern, ein Pfaffe den andern, ein Weib das andre, so lacht Gott im Himmel. |
| 5267. | Wer einen Juden besch–, sündigt wie einer, der auf die Würfel hofiert. |
| 5268. | Juden und Edelleute halten zusammen. |
| 5269. | Verloren – wie eine Judenseele! |
| 5270. | Geht alles links, wie bei den Juden. |
| 5271. | Er ist so willkommen wie ein Ferkel im Judenhaus. |
| 5272. | Schlägst du meinen Juden, schlag ich deinen. |
| 5273. | Wormser Juden, fromme Juden! |
| 12349. | Zwei Juden wissen immer, was eine Brille kostet. |
Und was sagt der Chatbot der Stadt Bonn über Karl Simrock?
Zum Judenhass der Brüder Grimm
Jacob (1785–1863) und Wilhelm (1786–1859)
Deutschlandfunk – Judenhass der Brüder Grimm
Jacob Grimm 1815
»Alle Judenwörter, wenn wir sie in unserm christlichen Sprachhaushalt brauchen wollen, klingen unedel und schmutzig; sie rühren aus dem gemeinen Umgang mit dem schachernden, wuchernden, trödelnden, fleischschächenden Volke her«
Wilhelm Grimm 1833
»Ich bemerke nur daß die Juden immer mehr überhand nehmen, ganze Tische u. Plätze sind damit angefüllt, da sitzen sie mit der ihnen eigenen Unverschämtheit, fressen Eis u. legen es auf ihre dicken u. wulstigen Lippen, daß einem alle Lust nach Eis vergeht. Getaufte Juden sind auch zu sehen, aber erst in der 5ten oder 6ten Generation wird der Knoblauch zu Fleisch.«
Zeitschrift Merkur – Das Judenbild der Brüder Grimm
Hierzu siehe auch diesen Beitrag in der „neoreaktionären“ (Eigenbezeichnung) Vierteljahres -Zeitschrift – Tumult
“BIEDERMEIERLICHE GELEHRTENHALTUNG”
Zum Autor, Thomas Hartung, sei angemerkt, dass sich hier um einen AfD-Funktionär und Mitbegründer der AfD in Sachsen handelt:
Dieser Artikel camoufliert und relativiert Antisemitismus nach dem Motto der Überschrift:
„In der Romantik war Antisemitismus nichts Ungewöhnliches“
Hierzu ist zu sagen: „Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen“ –
Zum Antijudaismus in den grimmschen Märchen am Beispiel des Juden im Dorn
Hingewiesen sei noch auf diese Tagung:
Zu guter Letzt eine skurrile contradictio in adiecto als Deutungshypothese des Judenbildes der Brüder Grimm
„Philosemitischer Antisemitismus“
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