Digital resources in the Social Sciences and Humanities OpenEdition Our platforms OpenEdition Books OpenEdition Journals Hypotheses Calenda Libraries OpenEdition Freemium Follow us

In den neuen NS-Suchmasken bringt die KI noch manches durcheinander

Danke an OE: Jürgen W. Falter:
Die NSDAP – eine Partei der Priester und Eintänzer?
In den neuen NS-Suchmasken bringt die KI noch manches durcheinander. Für den wissenschaftlichen Gebrauch sind sie nur bedingt geeignet.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 12.8.2026, S. N 4

„Im Falle des 1872 geborenen, 1928 in die NSDAP eingetretenen Vorarbeiters Karl Wartenpfuhl findet sich im „Spiegel“- Portal zwar dessen Mitgliedskarte aus der Gaukartei, allerdings wird der Name von der vom „Spiegel“ eingesetzten KI als Wartenpful transkribiert. „Zeit“ und „Süddeutsche“ hingegen kennen ihn weder in der einen noch in der anderen Schreibweise. Im Falle des 1888 geborenen, 1932 in die Partei eingetretenen Emil Setny wird man hingegen in der „Zeit“ fündig, nicht aber in „Spiegel“ und „Süddeutscher“.

Diskrepanzen zwischen den drei Suchmasken gibt es nicht nur bei Namen und Ortsangaben, sondern vor allem bei Berufsbezeichnungen. So ist für den 1902 geborenen, bereits 1925 in die Partei eingetretenen Karl Schlee in der „Zeit“ als Beruf „Schneider“ angegeben, im „Spiegel“ dagegen „Spengler“ und in der „Süddeutschen“ „Kaufmann“. Die „Süddeutsche“ dürfte angesichts des Ausbildungsgangs von Schlee mit dem schwer entzifferbaren handschriftlichen Berufseintrag richtigliegen. Es handelt sich jedenfalls um die durch Geburts- und Eintrittsjahr sowie die Mitgliedsnummer eindeutig identifizierbare selbe Person. Schlee, von dem ein Wikipedia-Eintrag existiert, auf den in der „Spiegel“-Maske hingewiesen wird, war von 1938 bis 1944/45 Oberbürgermeister der Stadt Neustadt an der Weinstraße.“

Textual criticism and AI

https://www.apocalypse-confidential.com/defenders-of-the-text/

KEYWORDS
textual criticism · antiquaries · the public domain · copyright · large language models · the Public Record Office · forgery · ballad scholarship · the murder of Thomas Overbury · sociology of archives · the history and science of heraldry · ancient muniments · critical bibliography · digital humanities

Hungersteine erinnern an Niedrigwasser

https://www.spiegel.de/panorama/pirna-niedrigwasser-bringt-hungerstein-in-der-elbe-zum-vorschein-a-6534d878-d432-41a9-8b71-43bf5a348716

„Der Stein im Pirnaer Ortsteil Oberposta trägt mehr als 20 solcher eingemeißelter Zahlen, die bis ins Jahr 1707 zurückreichen. Einer der Hungersteine ist 2018 erst als Erinnerung an den historisch niedrigen Wasserstand gemeißelt worden.“

Über Hungersteine:

https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-921057

https://de.wikipedia.org/wiki/Hungerstein_(Wasserstandsmarkierung)

Hochwassermarken waren mir bekannt, Hungersteine nicht. Sie zählen zur Erinnerungskultur der Katastrophen.

“Ich finde es moralisch nicht richtig, Namen von Personen für die Ewigkeit in das Stadtgeschehen zu tätowieren”

Sagt der Oberbürgermeister von Kempten:

https://www.kreisbote.de/lokales/kempten/ob-christian-schoch-spricht-ueber-moegliche-strassenumbenennungen-94430588.html

Via BK

Handschriftenerkennung mit KI? Ein erster Selbstversuch mit Transkribus

Historische Handschriften zu entziffern kann je nach Schriftart, Lesbarkeit und individuellen paläografischen Kenntnissen durchaus zur Herausforderung werden. Diese Erfahrung hat vermutlich so manch ein*e Geschichtsstudent*in gemacht, als er oder sie zum ersten Mal mit einer scheinbar unentzifferbaren Quelle konfrontiert wurde. Künstliche Intelligenz verspricht als Werkzeug, etwa durch speziell für die Handschriftenerkennung entwickelte Modelle, Abhilfe zu schaffen. Wie hilfreich und nutzbar die KI dafür aber tatsächlich ist, hängt stark von der Herangehensweise und dem eigentlichen Vorhaben ab.

Wie hilft KI bei der Handschriftenerkennung?
Ich bin keineswegs Expertin in diesem Bereich; nach meinen Recherchen lässt sich daher vereinfacht Folgendes festhalten: Gedruckte Texte mit einheitlichen Buchstaben, Layout und Schriftart können mittlerweile mit OCR (Optical Character Recognition) zuverlässig von Computern erfasst werden. Dabei werden die Zeichen eines Textes automatisch erkannt und in maschinenlesbaren Text umgewandelt. Typische Anwendungsbereiche sind beispielsweise die Digitalisierung gedruckter Zeitungen oder Bücher.

Mit Handschriften gestaltet sich das jedoch deutlich schwieriger: Handschriften sind in ihrer Gestalt naturgegeben wesentlich komplexer, da sie sich nicht nur stark zwischen verschiedenen Schreiber*innen unterscheiden, sondern selbst innerhalb eines Textes derselben Person (etwa hinsichtlich der Neigung, Form oder des Abstands der Buchstaben) variieren können. Moderne HTR-Anwendungen (Handwritten Text Recognition) nutzen Verfahren der künstlichen Intelligenz, wie etwa neuronale Netze, um dieses Problem zu adressieren und auch Handschriften für Computer erkennbar zu machen. Anstatt einzelne Buchstaben nach festen Regeln zu identifizieren (wie bei klassischen OCR-Verfahren für gedruckte Texte), werden die Modelle zur Handschriftenerkennung mit großen Mengen bereits transkribierter Handschriften trainiert. Die Modelle lernen Muster und Zusammenhänge zu erkennen und werden so stetig verbessert – so heißt es zumindest.

Wie zuverlässig die KI-gestützte Handschriftenrerkennung mittlerweile ist, hängt allerdings stark von den Gegebenheiten der zu lesenden Schrift (z. B. vom Zustand des Mediums, der Qualität des hochgeladenen Scans oder Fotos, davon, wie sauber geschrieben wurde oder wie ungewöhnlich die Schrift ist) ab.

Transkribus
Wer nach einer KI-Anwendung zur Handschriftenerkennung speziell für historische Quellen sucht, wird früher oder später auf Transkribus stoßen. Die Plattform wurde von der Gruppe Digitalisierung und elektronische Archivierung der Universität Innsbruck in Zusammenarbeit mit weiteren europäischen Forschungsgruppen entwickelt. Ziel ist es, die Technologie nicht nur Forschenden, sondern auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und große Mengen historischer Handschriften digital zu erschließen und durchsuchbar zu machen.

Transkribus vereint dabei verschiedene Modelle zur Handschrifterkennung, die je nach Sprache, Schriftart oder Zeitraum ausgewählt werden können. Es besteht außerdem die Möglichkeit, eigene Modelle auf einem spezifischen Quellenbestand zu trainieren.

Erste Schritte und Selbstversuch
Transkribus hat mich neben seinem akademischen Anspruch und den vielen Anwendungsmöglichkeiten (die in diesem Rahmen nicht alle aufgezählt werden können) mit der einfachen Zugänglichkeit überzeugt: Im Browser kann man mit einer kostenlosen Anmeldung recht schnell das erste Dokument hochladen und transkribieren lassen. Dafür braucht man nur ein gutes Foto oder besser einen Scan des Dokuments, bevor man sich für eines der zahlreichen Transkriptionsmodelle entscheiden kann. Besonders hilfreich erscheint mir dabei, dass die Modelle nach Sprache und Entstehungszeitraum gefiltert werden können – die meisten verfügen außerdem über eine Kurzbeschreibung sowie Kennzahlen (etwa zu Trainingsdaten), die dabei helfen, ein passendes Modell für das eigene Vorhaben auszuwählen.

Für meinen Versuch habe ich mich für eine Seite aus einem privaten Rezeptbüchlein von 1902 entschieden, das mir bisher stellenweise nicht ganz zu entschlüsseln war. Ich habe drei der gängigen Modelle, die zur Erkennung deutscher Kurrentschrift geeignet sein sollen, getestet:

1. “German Genius” – ein Modell, das von Transkribus selbst entwickelt wurde, aber leider nur in der Bezahlversion verfügbar ist.

Das Bild zeigt einen Screenshot einer Software zur Handschriftenerkennung. Auf der linken Seite ist eine historische, handschriftlich beschriebene Buchseite in deutscher Kurrentschrift zu sehen. Die Seite ist leicht vergilbt und weist Gebrauchsspuren sowie kleine Flecken am linken Rand auf. Auf der rechten Seite befindet sich eine schmale Spalte mit dem Ergebnis der automatischen Texterkennung. Die Zeilen sind nummeriert – es handelt sich um ein Rezept für Vanillesoße.
2. “The German Giant 1” – ein kostenloses Modell das von der Community trainiert wurde.Zu sehen sind 11 Zeilen, mit einem Bruchstückhaften Rezept für Vanillesoße.
3. “Text Titan II” – ein mehrsprachiges Modell, das ebenfalls von Transkribus stammt und aktuell als zuverlässigstes (aber kostenpflichtiges) Universal-Modell empfohlen wird.

Zu sehen sind 11 Zeilen, mit einem Bruchstückhaften Rezept für Vanillesoße.

Ergebnis: Da ich mich hiermit das erste Mal an eine KI-gestützte Anwendung zur Transkription von Handschriften herangewagt habe, hatte ich zwar keinen spezifischen Erwartungshorizont, war insgesamt aber positiv überrascht. Wie auf den Bildern zu erkennen ist, haben alle drei Modelle den Großteil des Rezepts bzw. den Kontext richtig erfasst – allerdings eben nur den Großteil, nicht ohne Fehler und vor allem nicht auf den einzelnen Buchstaben genau. Aufgefallen ist mir dabei, dass die Wörter, die allen drei Modellen Schwierigkeiten bereiteten, dieselben sind, die auch für mich persönlich schwer bis gar nicht lesbar sind. Das hat für mich die ein oder andere Überlegung zur tatsächlichen Verwendbarkeit der Handschriftenerkennung mit KI aufgeworfen.

Mein Fazit: Hohes Potenzial, aber: Erst lernen, dann auslagern

Zunächst lässt sich festhalten, dass die Handschrifterkennung mit Transkribus schnell eine brauchbare Ersttranskription liefert. Allerdings wurden zumindest in meinem kleinen Experiment eben nicht alle Wörter zuverlässig erkannt, und bisher scheint auch der allgemeine Konsens zu sein, dass KI-Ergebnisse auch bei der Handschriftenerkennung immer sorgfältig nachgeprüft werden müssen. Wenn das große Potenzial der KI-gestützten Handschriftenerkennung also darin liegt, umfangreiche Quellenbestände zu erschließen und durch Volltextsuche zugänglich zu machen – was sicherlich eine große Bereicherung für die Digitalisierung von Archivgut und die Quellenarbeit darstellt –, bleibt zu klären, wie eine so umfangreiche menschliche Überprüfung überhaupt geleistet werden kann und inwiefern die KI dann die Arbeit tatsächlich erleichtert. Mit Blick auf die Möglichkeit, in Transkribus eigene Modelle zu trainieren (allerdings nur in der Bezahlversion), kann ich mir jedoch vorstellen, dass eine intensive Auseinandersetzung mit dieser Technologie das schon leisten kann – zum Beispiel, wenn man sich im Rahmen eines Projekts mit einem großen Bestand ähnlicher Handschriften beschäftigt und das Modell darauf spezialisiert.

Ich denke, letztendlich kommt es immer darauf an, wofür man die KI verwendet: Wo es aktuell noch viel menschlichen Aufwand braucht, damit die Transkriptionen den Anforderungen wissenschaftlicher Genauigkeit entsprechen, ist für Laien, die etwa das Rezeptbuch der Urgroßmutter entschlüsseln möchten, vermutlich schon eine Ersttranskription mit dem einen oder anderen Fehler ein großer Erfolg.

Das bringt mich schließlich zurück zu dem Beispiel der Studierenden aus dem Einstieg. Zwar kann die KI die Arbeit, etwa wenn es darum geht, eine Quelle schnell einschätzen zu können oder einen ersten Überblick zu gewinnen, enorm erleichtern. Um aber künftig tatsächlich mit solchen Quellen wissenschaftlich arbeiten zu können, sind menschliche paläografische Kenntnisse aus meiner Sicht unverzichtbar. Egal, ob es darum geht, KI-generierte Transkriptionen zu überprüfen oder Wörter zu entschlüsseln, bei denen die KI aktuell noch nicht weiter weiß – in beiden Fällen ist einem letztendlich nur geholfen, wenn man historische Handschriften auch ohne KI lesen könnte. Ich kann dabei nur aus eigener Erfahrung berichten, aber mir scheint, als wäre im Geschichtsstudium noch Luft nach oben, wenn es darum geht, eine solide Kompetenz im Lesen historischer Handschriften zu vermitteln. Doch selbst wenn Paläografiekurse regelmäßig oder sogar verpflichtend im Studium angeboten würden, läge es letztendlich an jeder und jedem selbst, diese Kompetenzen durch Übung zu vertiefen. Ob diese Übung im klassischen Lesen historischer Handschriften erfolgt oder ob man sich durch Spielereien mit KI-gestützten Modellen nebenbei mit Paläografie vertraut macht – und dabei vielleicht zur Verbesserung zukünftiger Modelle beiträgt –, bleibt allen selbst überlassen.

Links

Zu Transkribus geht es hier

Mehr zum Hintergrund von Transkribus auf Wikipedia

Mehr zu OCR und HTR nachlesbar u. a. auf der Webseite der Uni Trier sowie bei Transkribus

Androzentrische Algorithmen? Über LLMs, Digitalisierung, Gender Data Gaps und Frauengeschichte

Vor ein paar Monaten las ich in der ZEIT einen Artikel, der die Auftakte diverser Digitalisierungsprozesse in Staatsbibliotheken und Bundesarchiven beschrieb (Zum ZEIT Artikel). Ziel sei, die Trainingskorpora von LLMs durch Digitalisate zur eigenen Geschichte und Sprache mitzugestalten. Vor allem wolle man aber von dem schon jetzt absehbaren großen Nutzen von LLMs für die geschichtswissenschaftliche Forschung profitieren. Während in Norwegen bereits seit 20 Jahren Unmengen an Beständen eingescannt werden, hängt Deutschland mit einem Anteil von 0,2% (Stand 2023, Prozentsatz entnommen aus dem Artikel) digitalisierten Inhalten aus dem Staatsarchiv weit zurück – natürlich vor allem aufgrund rechtlicher Beschränkungen und Datenschutz.

Wie groß der Nutzen dennoch sein könnte und teils bereits ist, wird in dem Artikel überzeugend anhand einiger Beispiele argumentiert: Die Transkription handschriftlicher Dokumente, das Lesen und Erfassen historischen Materials in einer Menge, zu der ein einzelner Mensch nie fähig wäre oder die Auswertung von Fotos, auf denen mithilfe einer KI-gestützten Gesichtserkennungssoftware Täter und Opfer aus der NS-Zeit posthum identifiziert werden können.

Exkurs zum Gender Data Gap

An diesen, eigentlich vielversprechenden, ersten Eindruck musste ich nun kürzlich wieder denken, allerdings mit wachsender Skepsis. Ich las gerade erneut Perez‘ „Invisible Women“, ein Buch über den Gender Data Gap (kurze Erläuterung zum “Gender Data Gap”) aus dem ‚prähistorischen‘ Jahr 2019 – also 3 Jahre bevor sich mit der Veröffentlichung von ChatGPT LLMs nennenswert in der breiten Masse etablierten. Bereits zu diesem Zeitpunkt, als das Problem noch unabhängig (oder zumindest größtenteils unabhängig) von KI behandelt werden konnte, ließen sich bereits die negativen Konsequenzen und statistischen Verzerrungen nachweisen, die der Gender Data Gap beim Training und der Entwicklung diverser Algorithmen und Applikationen mit sich brachte. Die von Perez zusammengetragenen und beschriebenen Folgen der androzentrischen Trainingskorpora reichen von Sprach- und Transkriptionsassistenzen, die weibliche Stimmen schlechter verstanden, über Übersetzungstools, die die weiblichen und männlichen Endungen je nach stereotypischem Ermessen und Berufen wegließen, ergänzten oder wechselten (Google Translate und Gender), bis hin zur Beeinflussung von Ergebnissen und deren Priorisierung bei Internetsuchen (Stereotypen in der Google (Bilder-)Suche).

Bedeutung eines Data Gaps für die Frauengeschichte

Meine Assoziation mit dem ZEIT-Artikel rührte vor allem von der Frage her, wie sich der bestehende Mangel an Repräsentation von Frauen in Quellen und geschichtlichen Darstellungen wohl im Kontext der verbreiteten Nutzung von KI bzw. LLMs in der Geschichtswissenschaft auswirken würde. Letztlich hat die Geschichte ja ihren ganz eigenen, ziemlich beachtlichen, Gender Data Gap.

Bevor man mir hier fairerweise einen übermäßigen Pessimismus vorwirft: Natürlich weiß ich um all die beachtlichen Bemühungen, die in der Frauengeschichtlichen Forschung in den letzten Jahrzenten angestoßen wurden. Nichtsdestotrotz ist die Frauengeschichte eine verhältnismäßig junge Tradition – gegenüber knapp 2500 Jahren „Männergeschichte“ (wie ich sie aus gegebenem Anlass einmal nennen möchte) – mit dementsprechend ‚wenig‘ Material. Auch muss in der Frauengeschichte eine andere Herangehensweise an die Rekonstruktion von Ereignissen und Lebensrealitäten auf Basis vorhandener Quellen gewählt werden – aufgrund teils eben nicht vorhandener Quellen. Amy Richlin behandelt genau das in ihrer Monografie „Arguments with Silence, Writing the History of Roman Women“.  Der Titel steht dabei eigentlich schon für sich. Um die Geschichte von Frauen aus einer Zeit zu rekonstruieren, in der sie – wenn überhaupt – durch ihre männlichen Zeitgenossen erwähnt wurden, muss implizit aus der Stille heraus argumentiert werden. Es sind kritische und oft indirekte Rückschlüsse nötig, um unverfälschten Erkenntnisse über das Leben von Frauen auf Basis ihrer Darstellung durch antike, männliche Autoren (die zwingendermaßen ein bedeutendes Interesse am Erhalt des Status Quo in Sachen Geschlechterordnung hatten) zu gewinnen.

Das historische Argumentieren und die kritische Auseinandersetzung mit Quellen ist allerdings genau das, was LLMs (noch) nicht können – wie auch der ZEIT Artikel kritisch einräumt. LLMs arbeiten im Kern vor allem nach Wahrscheinlichkeiten, die sich mitunter aus ihren Trainingskorpora ergeben. Was die Präsenz in und Menge an Quellen betrifft, haben Frauen aber leider, wie gerade geschildert, ziemlich schlechte Karten. Übrigens genauso, wie jede andere „stumme Gruppe“ in der Geschichte.

Mit Blick auf die Bemühungen, Archivbestände zunehmend zu digitalisieren und im Kontext von LLMs und deren Training für die Geschichtswissenschaften in einem ganz neuen Maß nützlich zu machen, halte ich gerade im deutschen Raum eine bestimmte Verschärfung geschlechtlicher Asymmetrien für nicht unwahrscheinlich: Aufgrund der vorhin schon kurz angeprangerten rechtlichen Beschränkungen in Sachen Datenschutz und Urheberrecht wird vor allem Textmaterial genutzt, das beispielsweise aufgrund seines Alters nicht mehr urheberrechtlich geschützt ist (also 70 Jahre nach Tod der verfassenden Person). So dürften ältere Darstellungen und Auffassungen von Gesellschaft und Geschichte, bei denen Frauen als historische Subjekte wenig Erwähnung finden oder dem androzentrischen Blick erliegen, einen disproportional großen Teil der Trainingsgrundlage von LLMs ausmachen. Die Frauen- und Geschlechtergeschichte, die diesen Darstellungen etwa seit den 1970er Jahren entgegenwirkt, ist dagegen öfter urheberrechtlich geschützt, zudem auch schlicht in geringerem Maß vorhanden und damit im Trainingsmaterial deutlich unterrepräsentiert. Die Annahme, dass ein solches Ungleichgewicht Konsequenzen mit sich bringt, liegt – gerade im Hinblick auf Perez‘ Ausführungen – nahe.

Selbsttest zur Reproduktion geschichtlicher Lücken bei LLMs

Ob Modelle tatsächlich klassische, androzentrische Deutungsmuster und Schemata bei der Darstellung von Geschichte reproduzieren und festigen, wollte ich der Neugierde halber einmal selbst ausprobieren. Die Idee war, Fragen zu Geschichte zu stellen, die die Erwähnung von Frauen eigentlich logisch implizieren, aber nicht zwingend voraussetzen.

Das ergiebigste Beispiel war die Frage nach „Schule im antiken Rom“. Die Antworten variierten natürlich teilweise zwischen den verschiedenen Sprachmodellen, wobei ich die Unterschiede teilweise auch auf vorhandene Daten zu meiner Person schieben würde. ‚Zufällig‘ arbeite ich nun andauernd zu Frauengeschichte und habe im Prozess immer wieder die verschiedensten KI-Tools verwendet, deren Erinnerungsspeicher und Kontextwissen wohl unweigerlich die Ergebnisse verfälscht.

Auffällig war aber bei der Beantwortung der Fragen, vor allem eben beim Beispiel der Schulbildung, dass genau das Schema von sozialgeschichtlicher Schein-Neutralität stattfand, das Anette Kuhn bereits 1990 in einem Artikel zur Frauengeschichtsforschung in der APuZ (bpb Artikel zur Frauengeschichte) beschrieb. Die hartnäckige Annahme in der Sozialgeschichte war (und ist es teilweise immer noch), dass „Frauen in den sozialgeschichtlichen Kategorien“ (Kuhn, S. 2) mit eingeschlossen seien. Unter vermeintlich geschlechtsneutralen Begriffen beschrieb man in der Gesellschaftsgeschichte letztlich vor allem Männer.

Die Ergebnisse des kleinen KI-Selbsttests spiegelten eigentlich genau das wider: In den meisten von LLMs formulierten Antworten zur Schulfrage war von „Kindern“ die Rede, obwohl höhere Schulformen und manche der dort genannten Bildungswege fast ausschließlich Jungen vorbehalten waren. Differenziert wurde vor allem nach gesellschaftlichem Stand, während die doch recht gravierenden geschlechtliche Unterschiede in der Schulbildung bestenfalls mit einem Nebensatz eingeräumt wurden. Das galt übrigens auch für Antworten auf die Frage nach der gesellschaftlichen Ordnung in der römischen Republik. Auch hier wurde die Differenzierung hin zu den anderen 50% der Bevölkerung, wenn überhaupt, eher sparsam vorgenommen.

Diese Art von Selbsttest ist natürlich nur sehr begrenzt aussagekräftig, aber die folgende Frage nach den Konsequenzen der Trainingskorpora und den hierauf aufbauenden Antworten der LLMs bleibt bestehen: Wird so vielleicht genau das verstärkt, was Kuhn bereits vor 35 Jahren als Gefahr betonte, nämlich die subtile Integration und Assimilation von „Frauengeschichte in die ‚allgemeine‘ sozialgeschichtliche Perspektive“?

Mögliche Lichtblicke

Um bei all’ den geschilderten Risiken und möglichen Bedrohungen feministischer Geschichtswissenschaften dennoch ein etwas ganzheitlicheres Bild zu zeichnen, hier der Vollständigkeit halber auch ein paar positive Aussichten und Perspektiven:

  1. Algorithmen mit Gender-Bias können überarbeitet und beispielsweise aktiv durch Supervised-Fine-Tuning korrigiert werden (Studie für alle, die sich die Hoffnung wieder nehmen lassen wollen)
  2. Dank Produkten wie dem „Scantent“ wird das hochwertige Digitalisieren für nur knapp 240€ auch kleineren (teils eben auch explizit frauengeschichtlichen) Archiven zugänglich gemacht; von dem eigentlich Digitalisierungsprozess der Archive profitieren erst einmal viele, vor allem solche Forschungsfelder, denen es an zugänglichem Material mangelt – wobei ich mich dennoch frage, welches Buch jemals so problemlos aufgeschlagen bleiben würde wie das auf dem Produktbild, ohne, dass man es beim Scannen festhält… Scan-Tent Produktseite
  3. Der geschichtliche Nutzen von LLMs und KI-gestützten Softwares könnte gerade für die Frauengeschichte und ihre Forschung von größtem Nutzen sein: z.B. bei der Durchsuchung von Quellen, in denen Frauen zwar selten aber eben durchaus erwähnt werden oder beim Auffinden von Fachliteratur, die gerade in neueren Feldern oft schwieriger aufzufinden ist.

Fazit

Letztlich scheinen LLMs im Kontext der Frauengeschichte potenziell Fluch und Segen zugleich zu sein. Bei unkritischem Einsatz und ohne ein Bewusstwerden der Leerstellen in unseren Datensätzen könnten sie für die Rezeption von Frauen in der Geschichte und somit natürlich auch allgemein in der Gesellschaft einen nennenswerten Rückschlag bedeuten. Zugleich haben sie, bei richtiger Verwendung, ein enormes Potenzial für die Geschichtswissenschaften im Allgemeinen, vor allem aber für die Frauengeschichtsforschung im Speziellen. Dies gilt zumindest, solange man die ethischen und nachhaltigen Aspekte außen vorlässt, bei denen KI nun mal so gar nicht gut dasteht.

Quellen

Chen, E., Zhan, R.-J., Lin, Y.-B., & Chen, H.-H. (2026). More women, same stereotypes: Unpacking the gender bias paradox in large language models. arXiv. https://arxiv.org/abs/2503.15904
Fischer, T., & Hosan, B. (7. Dezember 2025). Mehr, als ein Mensch lesen kann. Die Zeit, 36-44. https://epaper.zeit.de/webreader-v3/index.html#/951107/36
Kuhn, A. (1990). Frauengeschichtsforschung. Zeitgemäße und unzeitgemäße Betrachtungen zum Stand einer neuen Disziplin. Aus Politik und Zeitgeschichtehttps://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/535351/frauengeschichtsforschung-zeitgemaesse-und-unzeitgemaesse-betrachtungen-zum-stand-einer-neuen-disziplin/

Perez, C. C. (2020). Invisible Women. Exposing Data Bias in a World Designed for Men.

Richlin, A. (2014). Arguments with Silence.

Großes Interesse an NSDAP-Akten

https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/war-meine-oma-nazi-grosses-interesse-an-nsdap-akten-im-norden,nsdaparchiv-100.html (Danke an BK)

“Weitergehende Recherchen führen die Nachkommen in die Archive der Bundesländer und zu den Entnazifizierungsakten. Dabei handelt es sich um einen Fragebogen, der nach dem Krieg feststellen sollte, wie ausgeprägt die Zugehörigkeit zum Regime und der Ideologie war. Die Nachfrage danach hat in den Landesarchiven in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und im Staatsarchiv in Hamburg zugenommen, sich zum Teil, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, sogar verdoppelt.

“Wir finden den Zulauf gut, dafür machen wir unsere Arbeit. Wir wollen, dass die Akten genutzt werden”, erklärt Michaela Heier, Archivarin der Abteilung Hannover. Entnazifizierungsakten gebe es nicht von jedem Deutschen. Ein Job im öffentlichen Dienst machte es beispielsweise nötig, den Fragebogen auszufüllen. Je mehr Daten es zu einer Person gibt, desto erfolgreicher sei die Suche. Heier rät, möglichst Vor- und Nachnamen, Geburtsdatum und den Ort, an dem die Person nach Kriegsende gelebt hat, im Archiv anzugeben.”

Die wunderbarliche und liebliche Anordnung der Göttlichen Vorsichtigkeit in Lupoldo einem Grafen auß Bayrn und Henrico seinen Sohn (Jesuitendrama Ingolstadt 1696)

http://digital.bib-bvb.de/webclient/DeliveryManager?custom_att_2=simple_viewer&pid=23496821

Zum Stoff: https://archivalia.hypotheses.org/148300