Um 1500 kam es im Reich zu einer Blüte genealogischer Studien, nicht zuletzt befördert durch die von Maximilian I. initiierten Forschungen über die Ahnen der Habsburger. Man beschäftigte sich nicht nur mit den Vorfahren der regierenden Dynastien, sondern richtete den Blick zurück auch auf ausgestorbene Geschlechter. Am bekanntesten ist die Rückbesinnung auf die Geschichte der Staufer. Doch auch die über Familie des schwäbischen Landesheiligen St. Ulrich wollte man damals mehr erfahren. Aus dem 16. Jahrhundert sind Zeugnisse genealogischer Darstellungen in Stammbaumform aus Schwaben und der Schweiz erhalten, die den Augsburger Bischof in die Familie der Grafen von Dillingen oder Kyburg einordneten.
Ich kann hier nur einen vorläufigen Überblick anhand der gedruckten Literatur und digitalisierter Quellen geben. Ich unterscheide vier Hauptversionen: 1. die Arbeiten des Matthäus Marschalk von Pappenheim, 2. der verschollene Wormser Stammbaum und seine Schweizer Ableitungen, 3. die Aufstellungen von Wolfgang Lazius 1557, und 4. eine Fassung aus St. Ulrich und Afra, gedruckt von Welser bzw. Stengel.1
1. Matthäus Marschalk von Pappenheim
Der Augsburger Domherr Matthäus Marschalk von Pappenheim (1458-1541), über den ich den Artikel im Humanismus-Verfasserlexikon verfasst habe (Freidok), war einer der Väter der modernen Genealogie. Schon 1494 erstellte er für die Benediktiner von St. Ulrich und Afra in Augsburg Stammbäume der Patrone St. Ulrich und Simpert, die auf Tafeln am jeweiligen Grab angebracht waren. Das berichtet der Chronist Wilhelm Wittwer (ed. Steichele 1860, S. 374, MDZ). Erhalten sind beide Stammbäume nicht. Ich verdanke die Kenntnis der Stelle der Arbeit von Schmidt 1985, S. 121, der auf eine kleine genealogische Abhandlung über die Familie des hl. Ulrich in der 1513 datierten Handschrift 2° Cod. 195 der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg Bl. 147r-166v (Beschreibung von Herrad Spilling im Handschriftenportal) aufmerksam machte. Sie sei – vielleicht vom Augsburger Benediktiner Sigismund Lang – aus Werken Sigismund Meisterlins erstellt und fuße möglicherweise auf Pappenheims Stammbaum von 1494. Spilling dachte an einen Zusammenhang des Texts mit der später von Welser gedruckten Genealogie (siehe unten). Da Heckmann 1996 den Text nicht kannte, konnte sie sich nicht zu einem möglichen Zusammenhang mit der von ihr S. 826-831 breit referierten und nur sehr vage in das 16. oder 17. Jahrhundert datierten “Comitum de Kyburg genealogia” im Münchner Clm 1592 äußern.
Für Vergleichszwecke steht mir derzeit nur die Stammtafel Pappenheims in seinem “Liber genealogiarum”, WLB Stuttgart Cod.Don.576, von 1520/21 zur Verfügung (Digitalisat WLB).
Heckmann 1996, S. 823-825 konnte den genealogischen Sammelband Pappenheims in der Thurn und Taxis Hofbibliothek Regensburg Ms. 166, Bl. 72r-78r (Abschnitt über die Grafen von Dillingen) auswerten und eine im Pfarrarchiv Wittislingen erhaltene Abschrift des frühen 19. Jahrhunderts benutzen. Sie ist 1524 datiert und dürfte aus dem Regensburger Codex, der sich früher in Neresheim befand, abgeschrieben sein. Laut Schlegel 2022 (Anm. 17) stammt einer der drei Dillinger Stammbäume aus dem 16. Jahrhundert im Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 90 Nr. 8 (Findmittel) von Pappenheim und ist ebenfalls 1524 datiert.
2. Der Wormser Stammbaum (verschollen)
Der Leiter des Stadtarchivs Worms, Gerold Bönnen, bestätigte mir 2021 und vor kurzem nochmals, dass der von Schröder im Wormsgau 1926-1933 abgedruckte und in einer Schwarzweiß-Fotografie vorgestellte Stammbaum in Worms nicht mehr auffindbar ist und somit vermutlich als Kriegsverlust zu gelten hat. Heckmann, Gamper und Schlegel gingen dagegen von seiner Existenz aus. Nach Schröder entstand das 58 x 76 cm große Pergamentblatt mit hübschen Illustrationen 1513/18 in der Benediktinerabtei Heiligkreuz in Donauwörth.
Erwähnt wird auf dem Stammbaum eine 1513 von Kaiser Maximilian an das Kloster gestiftete Monstranz. Es ist durchaus möglich, dass Maximilian mit der Erstellung dieses Stammbaums etwas zu tun hatte, denn er zählte den hl. Ulrich zu den Heiligen seines Hauses und die Kyburger zu seinen Vorfahren. Über die Teilnahme Maximilians an der Grundsteinlegung des Chors von St. Ulrich und Afra im Jahr 1500 berichtet Clemens Jäger in seinem “Ehrenspiegel”, der König habe sich “ain ewige gedächtnus” aufrichten wollen, denn der liebe Herr St. Ulrich sei aus dem Geblüt der Grafen von Kyburg geboren, aus welchem Geschlecht der König von mütterlichem Geblüt herkomme. Die Mutter König Rudolfs von Habsburg sei nämlich eine geborene Gräfin von Kyburg gewesen.2 Das als “Epitaphium” bezeichnete Denkmalprojekt eines Reiterstandbilds bei St. Ulrich und Afra wurde jedoch nicht realisiert3.

Gamper verglich den Abdruck Schröders mit dem auf der Kyburg bei Winterthur überlieferten illuminierten Stammbaum (Abbildung: Gamper S. 123) und stellte nur wenige Abweichungen fest. Auf dieses Stück werden von Gamper und Schlegel zurückgeführt: eine Abschrift von Georg Binder 1544 in der Zentralbibliothek Zürich, Graphische Abteilung, und der prächtige Stammbaumteppich im Schweizer Landesmuseum (Sammlung online), den 1568 der Zürcher Junker Bernhard von Cham (1509–1576) und seine Frau Agnes Zoller in Auftrag gaben.
Verena Rothenbühler vom Staatsarchiv Zürich hat im Verein mit Christian Sieber (Staatsarchiv Zürich) und Silvia Schlegel (Museum Schloss Kyburg) meine Frage nach dem Stück ehemals auf der Kyburg so beantwortet: “Der Stammbaum des Heiligen Ulrich (GS 567) kam im August 1990 ins Staatsarchiv. Er war ursprünglich im Schloss Kyburg ausgestellt. Die Denkmalpflege des Kantons Zürich hatte 1987 beschlossen, den Stammbaum in Zürich durch das Schweizerische Landesmuseum begutachten und restaurieren zu lassen. In der Kyburg sollte danach eine Reproduktion ausgestellt werden, während das Original im Staatsarchiv aufbewahrt werden sollte. Im August 1990 kam der Stammbaum nach der Begutachtung und Restaurierung ins Staatsarchiv. Das Landesmuseum kam in seinem Gutachten zum Schluss, dass es sich beim Stammbaum entgegen der bisherigen Annahme […] um eine in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von anonymer Hand angefertigte Kopie handelt («Deckfarben mit Bleichstiftvorzeichnung auf Papier»). Das Gutachten spricht von einem «Falsifikat nach altbayrischer Quelle». […] Dass im Gutachten des Landesmuseums von einem «Falsifikat» gesprochen wird, was auch im Eintrag zu GS 567 im Online-Archivkatalog aufgenommen wurde, geht vielleicht darauf zurück, dass man offenbar lange von einem Stück aus dem 16. Jahrhundert auf Pergament ausgegangen ist”. Sie wies auf Gubler 1978 hin.
Diese Schweizer Zeugnisse waren Heckmann 1996 noch nicht bekannt.

3. Wolfgang Lazius 1557
Von der neueren Forschung (Bühler und Heckmann) nicht erwähnt wurden die Genealogien des Wiener Gelehrten Wolfgang Lazius (1514-1565), die er in seinem Werk “De aliquot gentium migrationibus” (1557) veröffentlichte. Wie Rolf Götz 2007, S. 58f. am Beispiel der Herzöge von Teck zeigen konnte, hatte Lazius Zugriff auf Ausarbeitungen Pappenheims.
4. Die Fassung aus St. Ulrich und Afra in Augsburg (Welser, Stengel)
Die mehrfach gedruckte Stammtafel, zuerst 1595 von Marcus Welser, soll aus einer Handschrift der Bibliothek des Klosters St. Ulrich und Afra stammen. Bühler erwähnt zwar zusätzlich ein deutschsprachiges Werk Carl Stengels 1620, nicht aber die gelehrte lateinische Fassung des Benediktiners aus dem Vorjahr (1619). Welser und Stengel hatten offenbar eine gemeinsame Vorlage.
Zusammenhang der Zeugnisse
In der Reihe der Fassungen sehe ich eine dominierende Rolle der Genealogien des Matthäus von Pappenheim, dessen für 1494 belegter Stammbaum aber nicht erhalten ist. Da er prominent in der Kirche von St. Ulrich und Afra angebracht war, konnten sich spätere Genealogen leicht darauf beziehen. Gehen womöglich die drei anderen Fassungen auf ihn zurück? Eine genauer Vergleich aller Versionen ist jedoch erst sinnvoll, wenn alle verfügbar sind.
Unklar ist die Rolle des Chorherrenstifts Heiligberg bei Winterthur, einer Gründung der Kyburger. Heckmann 1996, S. 823 sagt, “wahrscheinlich” habe Pappenheim seinen Stammbaum aus einer Vorlage des im 16. Jahrhundert eingegangenen Chorherrenstifts4 abgezeichnet. Sie beruft sich aber nicht auf eine Quellenstelle der Neresheimer Handschrift. Den Namen Heiligenberg nennt Schröder S. 165 Anm. mit Blick auf die Abschrift des frühen 19. Jahrhunderts im Pfarrarchiv Wittislingen, die mit dem Wormser Stammbaum “weitgehend” übereinstimme. Diese Abschrift ist aber wohl eine Kopie der genannten Neresheimer Handschrift, aus der Heckmann keine entsprechende Angabe zu einer Vorlage zitiert. Zutreffend ist wahrscheinlich die umgekehrte Reihenfolge, wie sie seit Stumpf 1546 Schweizer Autoren behaupten: Der Stammbaum kam aus Augsburg ins Stift Heiligenberg und von dort auf die Kyburg.5 Matthäus von Pappenheim hat sicher eigene Forschungen angestellt und nicht einfach nur eine Vorlage kopiert.
Literatur
Johannes Stumpf: Gemeiner loblicher Eydgnoschafft […] Chronick […] 1548 Bd. 2, Bl. 105r (e-rara.ch)
Wolfgang Lazius: De gentium aliquot migrationibus […] (1557), S. 534-538 (MDZ)
Stemma Kyburgensium comitum. In: Marcus Welser: De Vita S. Udalrici […] (1595), Anhang (GBS; im MDZ unausgefaltet)
Carl Stengel: Monasteriologia [1] (1619), nicht paginiert (MDZ)
Carl Stengel: Der weitberüehmbten […] Reichs Statt Augspurg […] kurtze Kirchen Chronick […] (1620), S. 69 (GBS)
Franz Josef Leichamschneider: SanCtVs VDaLrICVs […] (1735) (GBS)
Predigt vor der schwäbischen Landsmannschaft in Wien
Hans Heinrich Bluntschli: Memorabilia Tigurina. 3. Ausgabe (1742), S. 265 (GBS)
Hans Jacob Leu: Allgemeines helvetisches, eydgenössisches […] Lexicon 11 (1756), S. 266 (e-rara.ch)
Alfred Schröder: Der “Stammbaum St. Ulrichs” in der Stadtbibliothek zu Worms. In: Der Wormsgau 1 (1926-1933), S. 164-169 (worms.de)
Hans-Martin Gubler: Die Bezirke Pfäffikon und Uster (1978), S. 193f. (ekds.ch)
Heinz Bühler: Die Herkunft des Hauses Dillingen. In: Die Grafen von Kyburg (1981), S. 9–30 (UB Heidelberg)
Rolf Schmidt: Reichenau und St. Gallen (1985) (UB Heidelberg)
Marie-Luise Heckmann: Die Ulrichstradition der Dillinger und Kyburger. In: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 59 (1996), S. 807–834 (MDZ)
Franz Bischoff: Burkhard Engelberg (1999)
Rolf Götz: Wege und Irrwege frühneuzeitlicher Historiographie (2007)
Rudolf Gamper: Wie die Grafen von Kyburg eine ehrenvolle Geschichte erhielten. Die Erforschung der Kyburger Geschichte im 16. Jahrhundert. In: Die Grafen von Kyburg (2015), S. 118-129 (e-periodica.ch)
Silvia Schlegel: Verknüpfte Geschichte. Ein Zürcher Wandteppich von 1568 mit Dillingen-Kyburger Stammbaum. In: Jahresbericht 2022 Verein Museum Schloss Kyburg, S. 14-23 (schlosskyburg.ch)
#forschung #fnzhss
- Vermutlich ebenfalls noch dem 16. Jahrhundert gehört an die im Rahmen der Ausgabe der Konstanzer Bischofschronik Jakob Mennels wiedergegebene Stammtafel bei Pistorius 1607, S. 664 (MDZ). [↩]
- Cgm 896, Bl. 179r (MDZ). Zitiert bei Bischoff 1999, S. 254. Zur Quelle: Wikisource. [↩]
- Bischoff 1999, S. 254f. Entwurf Burgkmairs: Albertina. Dazu der Katalog: Maximilian I. 1459-1519. Kaiser. Ritter. Bürger zu Augsburg (2019), S. 296f. Nr. 72. [↩]
- Ihre Literaturangabe im LThK zielt irrtümlich auf den Heiligenberg bei Heidelberg! [↩]
- Gubler S. 193 gibt nach dem Historiographen Hans Jakob Leu (Handschrift in der Zentralbibliothek Zürich) das Jahr 1540 an. Im 18. Jahrhundert erwähnen die Herkunft aus dem Stift Heiligenberg Bluntschli 1742 und Leu 1756. [↩]
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Klaus Graf (23. Mai 2026). Stammbaum-Darstellungen der Grafen von Dillingen im 16. Jahrhundert. Archivalia. Abgerufen am 6. August 2026 von https://doi.org/10.58079/169lt
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