Tjark Wegner: Handlungswissen, Kommunikation und Netzwerke. Der Ulmer Rat im Konflikt mit geistlichen Einrichtungen (1376-1531) (= Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 84). Ostfildern: Thorbecke 2023, 580 S., 64 EUR. ISBN 978-3-7995-5284-4 Inhaltsverzeichnis
Wie bereitet eine spätmittelalterliche Obrigkeit eine Klosterreform vor? Tjark Wegners Antwort (laut Überschrift S. 249): “Handlungswissen generieren und Netzwerke aktivieren”. Seine Tübinger Dissertation (bei Sigrid Hirbodian) behandelt Konflikte des Ulmer Rats mit fünf geistlichen Institutionen: dem Klarissenkonvent Söflingen, dem Wengenstift der Augustiner-Chorherren, dem Dominikanerkloster, dem Franziskanerkloster und der Frauen-“Sammlung” an der Frauenstraße. Im Mittelpunkt steht die Ordensreform, auch wenn das letzte Kapitel der Reformation gewidmet ist. Am ergiebigsten sind die Quellen zur Reform der Klarissen, wobei die bekannten Söflinger Briefe wichtiges Material liefern. Einem “Reformprogramm der 1460er Jahre” (S. 193-217) folgten intensive Bemühungen des Rats in den 1480er Jahren, als 1484 Söflingen und das Ulmer Franziskanerkloster reformiert werden konnten (S. 220-330).
Die Arbeit ist nicht nur ein aufschlussreicher Beitrag zur Geschichte der Ordensreformen des 15. Jahrhunderts, sondern auch zur Kommunikationsgeschichte. Die Fragestellung der Arbeit zielt auf das “Handlungswissen”, das praktische Know-how im Gegensatz zum akademisch-gelehrten Wissen.1 Wenn es um politische Problemlösung geht, müssen sich die Akteure Verbündete suchen und mit diesen Mitgliedern ihres Netzwerks kommunizieren/Informationen austauschen, etwa durch Botschaften und Korrespondenzen. Daher erfährt man viel über Kommunikationswege und das Botenwesen.
Verdienstvoll ist ein Anhang mit prosopographischen Angaben zu den Ulmer Patrizier- und Oberschichtfamilien und solchen des schwäbischen Niederadels (S. 443-504). Ich nenne die behandelten Adelsfamilien (S. 488-504): Westerstetten, Westernach, Vom Stain, Truchsessen zu Waldburg, Suntheim, Freyberg, Habsberg, Züllenhart, Riedheim, Rechberg zu Hohenrechberg, Thumb von Neuburg. Entbehrlich sind dagegen die Listen der Konventsmitglieder (S. 505-525), da diese keine Einzelnachweise enthalten und auch nur teilweise ins Personenregister aufgenommen wurden.
Im Gegensatz zur missglückten Monographie von Zwirello 2018 ist Wegners Studie eine solide Leistung. Kleinere Kritikpunkte fallen nicht ins Gewicht. Die biographischen Informationen sind in der Regel gut recherchiert. Manchmal hätte aber durch Googeln bzw. Auswertung von Archivalia Weiterführendes ermittelt werden können. Beispiele (die Seitenzahlen beziehen sich auf das Personenregister): Notar Johannes Cuntzinger (S. 558), Dr. Veit Meller (S. 567), Dr. Georg Oßwald (S. 568), Dr. Lukas Spechtzart (S. 572), Werner Wick von Unshausen (S. 576). Die wichtige Vorarbeit von Jamie McCandless 2015 ist keineswegs unveröffentlicht (S. 543), sondern liegt – offenbar seit 2016 – online vor: https://scholarworks.wmich.edu/dissertations/1184. Ein Monitum, das bei vielen aktuellen Arbeiten angebracht ist: Internetressourcen sind mit ihrem Permalink zu zitieren! Die Arbeit von Griemmert 2018 (zu nennen wäre gewesen die Buchhandelsausgabe von 2022) müsste demnach S. 536 mit DOI angeführt werden: https://doi.org/10.18725/OPARU-14568.
***
Online-Rezensionen:
[13.5.2026 Deutsches Archiv]
- Gerd Schwerhoff hatte 2008 im Sammelband Tradieren – Vermitteln – Anwenden “Handlungswissen und Wissensräume” in Köln am Beispiel des “Buch Weinsberg” untersucht (nicht online), aber auf längere theoretische Ausführungen zum Handlungswissen verzichtet. [↩]
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Klaus Graf (11. Mai 2026). Der Ulmer Rat im Konflikt mit geistlichen Einrichtungen (15./16. Jahrhundert). Archivalia. Abgerufen am 14. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/167ez
